LifeTime Journal

Dr. Uso Walter über den digitalen Wandel in Arztpraxen

Dr. Uso Walter ist HNO-Facharzt in Duisburg und Tinnitus-Experte. Er hat die mynoise GmbH mit der App Kalmeda gegründet, um möglichst vielen Menschen eine effektive Tinnitus-Therapie zugänglich zu machen. Gleichzeitig setzt er sich als Vorstandsvorsitzender des Ärztenetzes HNOnet NRW dafür ein, die Digitalisierung in Arztpraxen voranzutreiben.

Herr Dr. Walter, seit Sommer 2018 haben Sie in Ihrer HNO-Praxis in Duisburg die LifeTime Software installiert. Welche Vorteile sehen Sie im digitalen Befundversand?

Ein ganz klarer Vorteil ist die Verfügbarkeit von Daten. Patienten vergessen regelmäßig, ihren Medikamentenplan mitzubringen oder wissen nicht, was in der Vergangenheit operiert wurde. Gerade in der HNO-Heilkunde haben wir sehr viele neue Patienten. Wenn Daten digital und strukturiert vorliegen, können wir uns einen schnelleren Überblick verschaffen.

Welche Vorteile sehen Sie für den Patienten?

Gehen Laborbefunde bei uns per Fax ein, hat der Patient die Praxis meist schon wieder verlassen. Bekommt er seinen Laborbefund direkt von uns digital übermittelt, muss er nicht noch einmal in die Praxis kommen, um diesen abzuholen. Hinzu kommt, dass er nicht erneut in unserer Praxis anrufen und gegebenenfalls in der Telefonschleife warten muss. Dies stellt auch eine Entlastung für die Praxishelferinnen dar.

Wie sähen Ihre Praxisprozesse ohne den digitalen Befundversand aus?

Auch unabhängig von der LifeTime Software probieren wir so wenig Briefe wie möglich zu schreiben, weil dies enorm viel Zeit kostet. Auf einen HNO-Arzt kommen bei uns 70 bis 90 Patienten am Tag. Wenn wir jedem einen Brief mitgeben würden, kostet dies täglich 1,5 Stunden mehr Arbeit. Falls es doch mal sein muss, schreibe ich einen vierzeiligen Kurzbrief im DIN A6-Format, der dem Patienten mitgegeben wird. Alle Dokumente, die geschrieben werden müssen, wenn der Patient die Praxis verlassen hat, bedeuten also einen enormen Arbeitsaufwand.

Wie handhaben Sie die Arzt-zu-Arzt-Kommunikation?

Dokumente übergeben wir nur direkt an den Patienten. Andernfalls benötigen wir nämlich eine Schweigepflichtentbindung durch den Patienten. Bei 24.000 Patientenkontakten im Jahr wäre das ein enormer bürokratischer Aufwand. Diesen ersparen wir uns, indem alles über den Patienten läuft, der dann mit seinen Daten machen kann, was er will.

Datenschutz wird bei Ihnen also großgeschrieben.

Als Vorstandsvorsitzender des HNOnet-NRW mit rund 400 Praxen habe ich bereits viele Vorträge über das Thema gehalten. Ich habe eine gewisse Vorbildfunktion und übergebe daher keine Patientendaten an andere Ärzte ohne vorheriges Einverständnis.

Wie gestaltet sich der Wandel von althergebrachten Prozessen in Praxen?

Diesen Wandel zu gestalten ist eine Aufgabe des HNOnet-NRW. Wir wollen Praxen dabei helfen, modern zu werden und sich auf das digitale Zeitalter einzustellen. Der Wandel gestaltet sich allerdings sehr schwierig. Einige Mediziner würden eher ihre Ehefrau tauschen als ihre Praxissoftware. Grund für diese Einstellung ist unter anderem die hohe Arbeitsdichte. Jede Veränderung bringt erstmal Unruhe, man muss sich umstellen, weiß vorher nicht, ob die Neuerung wirklich besser ist. Hinzu kommen rechtliche Bedenken. Es sind dicke Bretter, die gebohrt werden müssen. Ich glaube, dass der Wandel erst in der nachfolgenden Generation richtig ankommt. Der Generationenwechsel findet in zehn bis 15 Jahren statt. Rund zwei Drittel aller Ärzte werden dann ausscheiden, denn wir haben eine starke Überalterung in der Ärzteschaft.

Welche Rolle spielt der Patient bei diesem Wandel?

Wenn Patienten Projekte nicht wollen, bringen sie diese zu Fall. Ein Beispiel ist eine Online-Sprechstunde, die das HNOnet gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse angeboten hat, noch sie in die Regelversorgung überging. Nur 30 von rund 400 Ärzten haben sich daran beteiligt, obwohl diese mit 30,- Euro pro Gespräch vergütet wurde – inzwischen sind es übrigens nur noch 3,- Euro pro Gespräch.
Ich biete sehr viele Tinnitus-Sprechstunden an, für Kontrollgespräche eignet sich eine Online-Sprechstunde perfekt. Nur wenige Patienten haben es allerdings genutzt, obwohl die Online-Sprechstunde für sie kostenlos war. Deswegen müssen Ärzte und Krankenkassen der Treiber sein. An dem Beispiel zeigt sich, dass man bei solchen Projekten proaktiv vorgehen und Menschen manchmal zu ihrem Glück zwingen muss.

Zum digitalen Glück will ja derzeit auch die Politik die Ärzte drängen. Sie verhängt Honorarkürzungen für alle Ärzte, die sich nicht an der Telematikinfrastruktur anschließen. Sind Sie schon angeschlossen?

Wir sind bereits angeschlossen. Ich bin sicherlich weniger Bedenkenträger als einige meiner Kollegen. Ich sehe die Telematikinfrastruktur aber durchaus ambivalent. Eine Vernetzung halte ich für richtig und sehr sinnvoll. Allerdings muss die Infrastruktur technisch ausgereift sein. Wenn die Politik zehn Jahre lang zur Umsetzung braucht, ist das Konzept technisch längst wieder überholt. Deswegen sollte man solche Lösungen nicht über staatliche Institutionen laufen lassen.

Wie sehen Sie die digitale Zukunft im Gesundheitswesen?

Das Gesundheitssystem in Deutschland ist auf dem besten Wege abgehängt zu werden. Eigentlich müssten Ärzte Neuerungen verlangen und der Staat diese bremsen, weil es zu teuer oder zu aufwendig ist. Momentan ist es genau umgekehrt: Der Staat gibt Gas und Ärzte bremsen. Ich finde es erstaunlich, dass die Ärzteschaft die Digitalisierung nicht selbst in die Hand nimmt. Sie sollte dafür sorgen, dass ethisch und technisch alles im Sinne der Ärzte und Patienten läuft. Stattdessen überlassen Ärzte es den Tech-Konzernen und sehen die Digitalisierung immer noch als Bedrohung.
Entscheidend ist, dass der Mentalitätswechsel noch in den Anfängen steckt, obwohl wir wissen, dass wir Abläufe kostengünstiger, schlanker und für alle Beteiligten entspannter machen können.

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Janika Jonka

Public Relations & Content bei LifeTime